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Vita Ein Portrait von Massimiliano Valente und Angela Molteni Übersetzung von Monika Lustig
1945 macht Pasolini seinen Magisterabschluss mit einer Arbeit mit dem Titel "Anthologie der Pascoli−Lyrik. Einführung und Kommentar", und lässt sich dann definitiv im Friaul nieder. Hier findet er Arbeit als Lehrer in einer Mittelschule in Valvassone, Provinz Udine.
Pasolini hat jedoch stets vermieden, diese Geschichte zu instrumentalisieren, ihm war, als würde dadurch das Andenken an seinen Bruder in den Schmutz gezogen. Pier Paolo wird diesen Parteieintritt auch gegenüber seiner Mutter und seinem Vater rechtfertigen müssen, letzterer gab der Mutter die Schuld, Guido überhaupt erlaubt zu haben, dieses asoziale Pack zu frequentieren. Mitglied im Partito Comunista Italiano zu werden, zeugt von größter Beherztheit und Zivilcourage des jungen Dichters: Er beabsichtigte mit diesem Schritt, den tiefen Schmerz, den ihm und seiner Familie zugefügt wurde, einem gesellschaftlichen Ideal zu opfern, das voll und ganz eben mit der Kommunistischen Partei des Friauls zu teilen war, die in politischer Hinsicht die Mörder des Bruders beeinflusst hatte. Pasolini wird Parteisekretär der Sektion von San Giovanni di Casarsa, aber man ist in der Partei nicht gut auf ihn zu sprechen, vor allem nicht seitens der kommunistischen Intellektuellen des Friauls. Letztere bedienen sich des Vokabulars des 20. Jh., wenn sie über politische Themen schreiben, wohingegen Pasolini die Sprache des Volkes benutzt, ohne sich gewaltsam auf politische Sujets zu kaprizieren. In den Augen vieler ist so etwas unzulässig: Eine große Zahl von Kommunisten argwöhnen bei Pasolini ein gewisses Desinteresse für den sozialistischen Realismus, eine Art Weltläufigkeit, eine übertriebene Offenheit gegenüber der bürgerlichen Kultur. In diesen Jahren lernt Pasolini den Maler Zigaina kennen, mit dem ihn eine lebenslange und enge Freundschaft verbinden wird.
Am 15. Oktober 1949 wird den Carabinieri von Cordovado Meldung gemacht, Pier Paolo Pasolini habe sich an Minderjährigen vergangen: Dies ist der Anfang eines langwierigen und beschämenden Gerichtsverfahrens, von dem Pasolinis Leben auf immer gezeichnet bleibt. Jahre später schreibt Pasolini von Rom aus, wo er seinen neuen Wohnsitz aufgeschlagen hat, an Silvana Ottieri: "Auf mir lastet das Schandmal von Rimbaud oder von Dino Campana oder auch von Oscar Wilde, ob ich will oder nicht, ob die anderen es akzeptieren oder nicht." Pasolini wird bezichtigt, sich am 30. September 1949 im Ortsteil Ramuscello mit zwei oder drei jungen Burschen an ein verborgenes Plätzchen zurückgezogen zu haben. Die Eltern der Jungen erstatten keine Anzeige, aber die Carabinieri von Cordovado ermitteln aufgrund der im Dorf umhergehenden Gerüchte zu dem Vorkommnis. Es ist eine Zeit heftiger und bitterster Gegnerschaft zwischen der politischen Linken und der DC, der christdemokratischen Partei; wir sind mitten im Kalten Krieg; Pasolini gibt als kommunistischer Intellektueller und aufgrund seiner antiklerikalen Position die gefundene Zielscheibe ab. Die Anprangerung der Geschehnisse in Ramuscello machen sich sowohl die Rechten als auch die Linken zu Eigen: noch vor Beginn des eigentlichen Prozesses am 26. Oktober 1949 wird Pasolini aus dem Partito Comunista Italiano ausgeschlossen. Die kommunistische Tageszeitung "L'Unità" vom 29. Oktober schreibt: "DER DICHTER PASOLINI
AUS DEM PCI RAUSGEWORFEN.
Innerhalb weniger Tage findet sich Pasolini in einem gesellschaftlichen Abgrund wieder, aus dem es kein Entrinnen zu geben scheint. Die Reaktion auf die Geschehnisse von Ramuscello hat in Casarsa ein nachhaltiges Echo. Vor den Carabinieri versucht er die Fakten als eine außerordentliche Erfahrung, als eine intellektuelle Verirrung zu rechtfertigen, und bekräftigt damit nur im Wesentlichen die Vorwürfe gegen ihn. Das verschlimmert seine Position umso mehr; nach erfolgtem Ausschluss aus der Kommunistischen Partei verliert er auch seine Anstellung als Lehrer; auch sein Verhältnis zur Mutter ist vorübergehend getrübt. Es scheint das Ende zu sein. Pasolini beschließt, aus Casarsa, aus seinem vielmals verherrlichten Friaul zu fliehen. Zusammen mit der Mutter geht er nach Rom, und das ist der Beginn eines neuen Lebens für Pier Paolo. ![]() "Ich floh gemeinsam mit meiner Mutter, mit einem Koffer und ein paar wenigen Schmuckstücken, die sich als unecht erwiesen/ in einem Zug, der langsam wie ein Güterzug war, / ging es über das ebene Land des Friauls, überzogen von einer leichten und harschen Schneedecke. / Wir waren auf dem Weg nach Rom. / Wir gingen also, nachdem wir meinen Vater zurückgelassen / neben einem Öfchen für Arme, / in seinem alten Militärmantel / und seinen grauenvollen Wutausbrüchen eines an Leberzirrhose Erkrankten, von Verfolgungswahn Heimgesuchten. / Ich habe diese / Seite eines Romans, die einzige meines Lebens gelebt: / was den Rest angeht,/ habe ich inmitten der Dichtung gelebt, wie es sich für jeden Besessenen gehört." (11) |
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